Manfred Stelzer †

Manfred Stelzer †
1971
Manfred
Stelzer †
1973: ALLEIN MACHEN SIE DICH EIN
Dokumentarfilm 90 min., Forum Berlin.

1974: KALLDORF GEGEN MANNESMANN
Dokumentarfilm 90 min., Mannheimer Filmtage, "Bester Fernsehfilm“.

1975: WIR HABEN NIE GESPÜRT, WAS FREIHEIT IST
Dokumentarfilm 60 min., ZDF Kleines Fernsehspiel.

1976: EINTRACHT BORBECK
Dokumentarfilm 45 min., ARD Sportspiegel.

1977: WEITER WEG
Dokumentarfilm 60 min., ZDF Kleines Fernsehspiel

1979: DER MONARCH
Dokumentarfilm 90 min., WDR, Bundesfilmpreis1980

1982: SCHWARZFAHRER
(Regie/Co-Autor) Solothurner Filmtage, Filmverlag der Autoren, Spielfilm 90 min., WDR, Tura-Film, Tivoli-Filmverleih.

1983: PERLE DER KARIBIK
Spielfilm 90 min., WDR, dffb-Abschlussfilm, Filmverleih

1984: THRON UND TAXI
Dokumentarfilm 90 min., ZDF

1985: GESCHICHTEN AUS ZWÖLF UND EINEM JAHR
(Regie /Autor) Dokumentarspielfilm 90 min., ZDF Journal-Film

1986: DIE CHINESEN KOMMEN
(Regie /Co-Auto) Spielfilm 90 min., SDR, Journal-Film, Delta-Filmverleih

1988: HIMMELSHEIM
(Co-Autor / Regie) Spielfilm 90 min., SDR, Journal -Film, Delta-Filmverleih

1990: SUPERSTAU
Spielfilm 90 min., Delta Filmproduktion, Delta-Filmverleih

1991: DER KÖNIG VON BÄRENBACH
(Regie) Serie 4 x 45 min., SDR

1991: LILA WEIHNACHTSGESCHICHTE
(Regie) Fernsehspiel 90 min., SDR, MPS

1992: GRÜSS GOTT GENOSSE
(Co-Autor / Regie) Fernsehspiel 90 min., NDR, Studio Hamburg

1993: BULLERJAN
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1993: KIWI UND RATTE
(Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1994: ÜBER BANDE
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1994: TAXI ZUR BANK
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1994: BALKO
Serie 48 min., 1. Staffel, RTL Westdeutsche Universum
„Unschuld vom Lande“ (Regie)
„Steakhouse - Tango“ (Co-Autor / Regie)
„Die Angst des Torwarts“ (Co-Autor / Regie)
„Killerehre“ (Regie)
„Coop aus Moskau“ (Co-Autor / Regie)
„Keine müde Mark“ (Co-Autor / Regie)

1995: BALKO
Serie 48 min., 2. Staffel, RTL Westdeutsche Universum
„Falscher Hase“ (Regie)
„Augen im Gefrierfach“ (Regie)
„Zoom“ (Regie)
„Robin Hood von Wambel“ (Regie)
„Mann für gewisse Stunden“ (Regie)

1995: TÖDLICHE KÜSSE
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110 90 min., NDR Polyphon

1996: WOLFFS REVIER
Serie, 4 x 48 min., Sat 1 Borussia Media
„Rotlicht für Sawatzki“ (Regie)
„Brubeck“ (Regie)
„Marathon“ (Regie)
„Mitten ins Herz“ (Regie)

1996: DER FREMDE
(Regie) Polizeiruf 110 90 min., NDR Polyphon

1996: ÜBER DEN TOD HINAUS
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110 90 min., NDR Polyphon

1997: WOLFFS REVIER
1 Pilotfilm und Serie, 3 x 45 min., Sat 1, Borussia Media
„Urlaub in den Tod“ (Co-Autor / Regie)
„Die Tote an der S-Bahn“ (Co-Autor / Regie)
„Ein totsicherer Plan“ (Co-Autor / Regie)
„Freiwild“ (Co-Autor / Regie)

1997: LIFE IN DEN TOD
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1998: KATZ & KATER
(Co-Autor / Regie) Polizeiruf 110, 90 min., NDR Polyphon

1998: BALKO
Serie, 4 x 48 min., 2. Staffel, RTL, Westdeutsche Universum
„Jagd auf die Jäger“ (Regie)
„Taxidriver“ (Co-Autor / Regie)
„Augen in der Nacht“ (Co-Autor / Regie)
„Zugzwang“ (Co-Autor / Regie)

1999: FREIHEIT FOR MY BROTHER
(Co-Autor / Regie) Fernsehfilm 90 min., NDR, Multi-Media

1999: BALKO
Serie, 48. min, RTL, Westdeutsche Universum Film CLT
"Werben und Sterben" (Regie)
"Einer kommt durch" (Regie)

1999: BIS DASS DER TOD UNS SCHEIDET
Fernsehfilm 90 min., ZDF, UFA-Film

2000: BALKO
Serie 48. min, RTL, Westdeutsche Universum Film CLT
"Blutbad" (Regie)
"Mördertauben von Eving" (Regie)
"Bis zum letzten Mann" (Regie)
"Ein paar Dollar mehr" (Regie)
"Campingplatzmörder" (Regie)

2000: GNADENLOSE BRÄUTE
(Co-Autor / Regie) Fernsehspiel 90 min., NDR, Ziegler-Film

2001: VOR MEINER ZEIT
(Regie) Fernsehspiel 90 min., NDR, Allmedia

2001: EIN ENGEL UND PAUL
Fernsehspiel, 90 min., ARD, Multimedia

2001: BIS DASS DEIN TOD UNS SCHEIDET
(Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Profilm

2001: SILIKON-WALLY
(Regie) Polizeiruf 110, 90 min., Bayrischer Rundfunk, Hofmann & Voges

2002: POMMERY & PUTENBRUST
(Regie/Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Ziegler-Film

2002: AUSGELÖSCHT
(Regie) Stahlnetz, 90 min., NDR, Studio Hamburg

2002: BERMUDA
(Regie / Co-Autor) Tatort, 90 min., WDR, Colonia Media

2003: HUNDELEBEN
(Regie / Co-Autor) Tatort, 90 min., WDR, Colonia Media

2003: WILSBERG: TOD EINER HOSTESS
(Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Cologne Film

2003: IRREN IST SEXY
(Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Network-Movie

2004: POMMERY & HOCHZEITSTORTE
(Regie/Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Ziegler-Film

2004: TOTE LEBEN LÄNGER
(Regie) Fernsehspiel 90 min., NDR, Polyphon

2004: SÜNDE
Schimanski, 90 min., WDR, Colonia Media

2005: DER DOPPELTE LOTT
(Regie) Tatort Münster, 90 min., WDR, Colonia Media

2005: POMMERY UND LEICHENSCHMAUS
(Regie / Co-Autor) Fernsehspiel 90 min ZDF, Ziegler-Film

2006: BRENNENDES HERZ
(Drehbuch / Regie) Fernsehspiel 90 min NDR, Polyphon

2006: DIE STERNEKÖCHIN
(Regie) Fernsehspiel 9o min., HR.

2006: RUHE SANFT
(Regie) Tatort Münster, 90 min., WDR, Colonia Media

2007: MEINE FREMDE TOCHTER
(Regie / Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., WDR, Colonia Media

2007: HECKENSCHÜTZE
(Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Ziegler Filmproduktion.

2007: SCHOCKOLADE FÜR DEN CHEF
(Regie) Fernsehspiel 90 min., Degeto, Polyphon

2007: KRUMME HUNDE
(Regie) Tatort Münster 90 min., WDR, Colonia Media

2008: EIN SCHNITZEL FÜR DREI
(Regie / Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., WDR, Colonia Media

2009: FRÖSCHE PETZEN NICHT
(Regie / Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., NDR, Ziegler Film

2009: DIE AUFLEHNUNG
(Regie) Romanverfilmung 90 min, NDR, Aspekte Film

2010: SPARGELZEIT
(Regie) Tatort Münster 90 min., WDR, Colonia Media

2011: DER HEIRATSSCHWINDLER UND SEINE FRAU
(Drehbuch / Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, Network-Movie

2011: HINKEBEIN
(Regie) Tatort Münster 90 min., WDR, Colonia Media

2012: SCHNEEWITTCHEN DARF NICHT STERBEN
(Drehbuch / Regie) Fernsehspiel 90 min., ZDF, „All in“-Produktion

2013: SCHNITZEL FÜR ALLE
(Regie / Co-Autor) Fernsehspiel 90 min., WDR, Colonia Media

2014: WIR TUN'S FÜR GELD
(Regie) Fernsehspiel 90 min., Regie ZDF, Network – Movie

2015: LOTTA
(Co-Autor / Regie) Fernsehspiel 90 min., Abbruch wegen Krebs

2019: DIE BANK
5 Kurzfilme mit Tilo Prückner und Karl Kranzkowski
.
2020: Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Valentin-Karlstadt-Gesellschaft

2006: Schleswig-Holstein Filmpreis, "Bester Spiel-/TV-Film" für "Brennendes Herz"

1983: Max Ophüls Preis, Nominierung für "Schwarzfahrer"

1980: Bundesfilmpreis für "Monarch" (gemeinsam mit Johannes Flütsch)

1974: Mannheimer Filmtage, "Bester Fernsehfilm“ für "Kalldorf gegen Mannesmann"
Rede zur Bestattung von Manfred Stelzer, von Gert Möbius.

(Gert Möbius war Manager der Rockband "Ton Steine Scherben" und Mitbegründer des Berliner Tempodroms. Nach dem Tod seines Bruders Ralf, mit Künstlername Rio Reiser, gründete er das Rio-Reiser-Archiv. Heute wirkt er als Drehbuchautor und Filmproduzent. Gert hat uns diesen Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt.)


Lieber Manni,

ich hoffe, dass du gut da oben angekommen bist – wie sieht es denn da auf deiner Wolke so aus? Bist du ein wenig glücklich, diesem hier unten waltenden Irrsinn endlich entkommen zu sein. Deine Bea, deine Schauspieler und ich müssen hier noch etwas ausharren. Na gut, wir können hier Sekt, Bier und Wein trinken, um unsere Trauer seit deinem Verschwinden von diesem Kampfplaneten durchzustehen.

Du weißt ja, ich habe viele Jahre nicht weit von Berchtesgaden gelebt. Wenn ich da mal so einen wie dich getroffen hätte, wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass du ein echter Bayer bist. Denn der wirklich echte Bayer ist klein, ja gedrungen, dunkelhaarig und zuweilen dick, na gut, weil er viel Schweinefleisch ist und viel gutes Bier zu trinken vermag. Du warst rothaarig. Und die Rothaarigen sind ja immer etwas den schwarz-, blond-, braunhaarigen und Glatzen stets ein paar Schritte voraus. Auch Du!

So lange ich noch nicht ganz dement bin, versuche ich mal ein paar Geschichten aus unserer gemeinsamen Vergangenheit zu erzählen. Kannst du mich hören und verstehen? Wenn nicht, bringe ich dir diesen Brief mal später da nach oben mit.

Also, kennen gelernt haben wir uns um 1971. Du kamst, wenn ich nicht irre, mit Rainer
März in meine WG in der Schöneberger Bülowstr. 29. Rainer kannte ich aus der Kreuzberger Stadtteilgruppe, und wir wohnten ein halbes Jahr etwa in einer WG von einem Psychiater in der Kreuzberger Görlitzer Straße. Egal. Jedenfalls hast du dich bei uns mit meinen Mitbewohnern Wanda, Cornelius, Rainer, Ilse, Konrad und dem Luxemburger René schnell eingelebt. Und noch bis vor ein paar Wochen hast du mir immer wieder, sobald das Wort Bülowstraße erklang, von deinem selbstlosen Arbeitseinsatz bei mir erzählt. Du hattest auf meine Bitte hin, Fotos aus Spiegelheften, Konkret’s, Stern’s usw. ausgeschnitten und in einen Leitzordner fein säuberlich eingeordnet. Diese Akten habe ich noch immer. Es handelte sich da meist um politische Motive, Vietnamkrieg usw. Diese Bilder brauchten wir zuweilen für unsere Kreuzberger Stadtteilzeitung. Und da fällt mir noch etwas sehr Lustiges ein. In diesen linken Konkret-Heften, die damals in den siebziger Jahren ein Klaus Rainer Röhl, der damalige Ehemann von Ulrike Meinhof, herausbrachte, wurden neben politischen Themen immer häufiger auch Nacktfotos veröffentlicht. Und beim Ausschneiden kam dir eines Nachts, wann auch sonst, der Gedanke ein gutes Geschäft mit der Produktion von Pornopuzzles zu machen. Du hast dann einfach diese Sexbilder nebenher auch ausgeschnitten, dann auf Pappe geklebt und mit der Schere wahllos zerschnitten. Dann hast du, ich weiß nicht mehr in welchem Presseorgan, eine Anzeige mit dem Text: „Pornopuzzles zu verkaufen, DM 9,99“ aufgegeben, dann folgte Adresse und Postscheckkontonummer. Und du hast dich über die ersten Bestellungen sehr gefreut, ja was macht man nicht alles, um in einer Großstadt wie Berlin zu überleben. Du hast es immer wieder geschafft.

Dann verschwandest du plötzlich mit Rainer nach England. Clemens Kuby hatte da wohl eine Connection zu einer britisch-revolutionären Filmcrew mit dem Namen „cinema action“.

Dort in London sollst du dich nach Aussage von Rainer März in eine hübsche Brasilianerin verknallt haben. Okay, warum auch nicht, aber du kamst wieder in die Frontstadt zurück und bewarbst dich an der Film-und Fernsehakademie am Theodor-Heuss-Platz. Und sie haben dich ohne Abitur und Studium dort aufgenommen. Diese Akademie stand unter starken Druck der linken Studenten, und diese bevorzugten Menschen aus proletarischen Verhältnissen.

Deine Eltern waren ja, nach deinen Schilderungen, nicht unbedingt Proleten. Beide Elternteile arbeiteten in der Gastronomie und in der Verwaltung von Altersheimen. Warum Dein Vater mit dir nicht klarkam, habe ich erst verstanden als ich von dir hörte, dass du in Berchtesgaden mit verrückten Kumpels über Autodächern gelaufen bist. Und dann irgendwann seid ihr betrunken nach dem Besuch in einer Disko gegen einen Baum gefahren. Du warst der Einzige von vier Mitfahrern, der dieses Unglück überlebte. Dieses Erlebnis hat lange Jahre bei dir in der Weise nachgewirkt, dass du eigentlich keine richtige Angst mehr vor dem Tod hattest. Aber auch vergessen konntest du nie, dass dein Vater als Strafmaßnahme oft ein Jahr nicht mehr mit dir gesprochen hat oder er dich oftmals zwang, gemeinsam mit eurem Berner Sennenhund zu speisen.

Okay, vergessen wir diese Psychoerziehung deiner Eltern. Nach einer Lehre als Physiklaborant zog es dich aus der Enge Berchtesgadens nach Berlin. Dort angekommen musstest du erst einmal deine Brötchen als Tagelöhner verdienen, hast in zehn Meter Höhe mit einer verrosteten Motorsäge Bäume von Reichen in Zehlendorf beschnitten und vieles andere mehr, aber das Medium Film hat dich irgendwie immer fasziniert. Ich habe um diese Zeit herum in Kreuzberg auf dem Bethaniengelände mein Medienzentrum aufgebaut, und so hatten wir auch beruflich eine freundschaftliche Nähe. Weißt du noch, 1971 wurde damals ein Schwesternwohnheim, das Martha Maria Haus, auf diesem Gelände von Trebern und Jugendlichen aus dem Kreuzberger Kiez besetzt. Es wurde in Georg-von-Rauch-Haus umbenannt, und bis heute seit 1870 steht auf seinem Eingang der Spruch „Eins tut not “.

Du hast auf der Film-und Fernsehakademie eine Suzanne Beyeler kennen gelernt, eine Schweizerin, und mit ihr und deinen alten Kumpel Rainer März, der es ein Jahr später mit deiner Hilfe auch auf dieser Filmschule geschafft hat, starteten ihr Drei einen Dokufilm über genau dieses besetzte Haus. „Allein machen sie dich ein“, nach einem Rio Reiser Text, habt ihr euren ersten Schwarz-Weiß-16mm-Film benannt.

Ein paar Jahre später hast du mit einen deiner Mitstudenten, Johannes Flütsch, einen sehr witzigen Film über einen Automatenspieler gedreht. Dieser Spieler mit Namen Diethard Wendtland konnte mit seiner speziellen Begabung Spielautomaten der Marke „Monarch“ in kurzer Zeit total leerfegen. Für diesen Film, produziert von Regina Ziegler, hast du mit Johannes einen Bundesfilmpreis erhalten. Waren eigentlich bei dieser Preisverleihung deine Eltern nach Berlin gekommen? Ich glaube eher nicht. Dabei war es doch für dich ganz wichtig, deinen Eltern in Bad Aibling zu zeigen, dass du kein Looser mehr bist. Du hast mir erst vor ein paar Wochen erzählt, dass du richtig Geld erst nach deinem 40. Geburtstag verdient hast. Du wurdest am 22. September 1944 im Bombenhagel von Augsburg geboren, und demnach hast du erst in den Jahren 1984/85 so viel verdient, dass du auch mal in den Urlaub fahren konntest.

1985 haben wir zwei an zwei Projekten gearbeitet, einmal ein Film über ehemalige Rauchhausbewohner mit Rolf Zacher als Karl Marx und Marianne Enzensberger als seine Jenny, Musik Rio Reiser, und einen zweiten Dokufilm über eine Miss Germany, die mit einem Polizisten verheiratet war. Dieses Eheverhältnis hat dich sehr interessiert, und Harun Farocki hat das Exposé verfasst. Es war eine ZDF-Produktion. Und bei diesen Dreharbeiten, du Regie, Kamera David Slama und Ton ich, haben wir im Grunde jeden Abend nach Drehschluss nur noch gelacht, weißt du noch, als in Luxemburg dieser Miss-Germany-Preis verliehen wurde und ein Gunter Sachs im Hotel erschien und total überschminkt die Kandidatinnen abzutätscheln versuchte, und die haben sich das auch noch gefallen lassen. Diese Preisverleihung wurde vom RTL aufgezeichnet, und wir durften deshalb für das ZDF nur ganz wenige Bilder nach Deutschland mitnehmen.

Lustig war auch, dass du vor Drehbeginn einen alten Ford für unsere Dreharbeiten erworben hast. Mit diesem klapprigen Gefährt sind wir bis Paris gefahren, um eine alternde Miss Germany zu interviewen. Auf den Weg dahin blieb unser Oldtimer ständig stehen, und unsere Altmiss hatte im Hinterhof ein kleine Werkstatt, die spezielle Spionagegeräte herstellte und in Paris an diverse Agenten verkaufte, abschließend lud sie uns zum Essen ein, sie im Porsche und wir ständig anschiebend in unserem Freakford als Abgesandte des ZDF’s, und in dem teuren Restaurant winkte sie ständig dort speisenden Agenten zu. Denn das hier war ihr Vertriebsnetz, wir wollten dann auch nicht mehr wissen, wie so ehemalige Miss heute ihr Leben finanzieren.

Mein Waterloo-Erlebnis mit dir hatte ich Ende 1989, weißt du noch, ich wohnte mal für zwei Jahre in Oldenburg. Und irgendwie hatte die Berliner Delta-Filmproduktion die Idee, einen Kinofilm zum Thema Stau in Fahrt zu bringen. Du solltest mit mir das Drehbuch entwickeln und kamst nach Ostfriesland, und wir mieteten dort auf so einem komischen Freizeitgelände ein kleines Häuschen an und begannen sofort mit der Arbeit. Kurz und gut , ich hatte unter anderem die Idee, dass unter anderen Urlaubern auch ein Finne mit einem Holzauto in diesen Superstau in Bayern fährt. Du fandest diese Idee auch sehr charmant und lustig. Aber dann kam der Produzent Richard Claus nach Oldenburg, und als er das mit dem finnischen Holzauto las, fuhr er schnurstracks wieder nach Berlin zurück. Keine Diskussion, Thema verfehlt – setzen, Möbius!

Du hast ja dann später noch mal sehr komödiantisch abgemildert mit Gerd Weiss dann doch noch diesen „Superstau“ unter reichlich viel Stress abgedreht.

Aber schon 1990 kamen wir wieder zusammen, und ich bastelte dann an ein Drehbuch von einem DDR-Autor herum. Der Film hieß später „Grüß Gott Genosse“. Deine NDR Produzentin Doris Heinze war ja mit deiner Arbeit immer sehr einverstanden, und so bekamen wir auch den Auftrag, eine neue Polizeirufserie 110 zu entwerfen. Es sollte in diesen Filmen kein Mord geschehen. Wir beide haben uns daran gehalten, aber andere ARD-Sender in ihren Polizeiruf 110-Filmen nicht.

Du hast dich dann richtig ins Zeug gelegt und einen Polizeiruf nach dem anderen abgedreht. Und alle diese Filme mit Uwe Steimle und Kurt Böwe unter deiner Regie waren originell und voller Humor. Ich freue mich noch heute, dass ich Dir als Drehbuchautor oft bei diesen Streifen helfen durfte. Ich musste immer wieder über dich staunen, mit welcher kreativen und gleichzeitig produktivnaiven Art du Szenen und Bilder in unseren Drehvorlagen gesetzt hast. Ich kam mir häufig wie ein konservativer Bildungsbürger vor, der sich noch immer nicht von der Dramaturgie eines Shakespeare oder Schiller zu lösen vermochte oder traute. Aber so „trauen“ hatte ja für dich seit deinem Autounfall in Berchtesgaden nur noch wenig Relevanz. Und du hattest ja auch nur sehr wenig Respekt vor diesen Fernsehgewaltigen wie Redakteuren und Produzenten. Ich erinnere mich noch über ein Bild aus den neunziger Jahren, als du zu mir mit einer sehr sehr kurzer Sturmfrisur kamst, auf mein Erstaunen hin, sagtest du nur: „Ich fahre morgen nach Mainz, und da brauche ich diese Kampffrisur.“

Humor, ich habe mich immer wieder gefragt, und ich frage mich noch heute, wo du den immer wieder hergenommen hast – deine Kind- und Jugendzeit war doch nun wirklich mehr eine Schauergeschichte als ein Komödienstadel – stimmt's? Oder war sie doch im Umkehrsinn gerade deshalb so inspirierend, weil in deiner miesen Lage sich dein Humor wie ein Schutzschild um dich bildete?

Aber Manni, du hattest, Gott sei Dank, auch viele tolle und mutige Mitstreiter. Und einige von diesen sind sogar zum Gedenken an dich hier in dieser Kapelle. Viele von ihnen haben dir auch durch ihr hinzufügen ihres „Mutterhumors“ bei deinen Inszenierungen geholfen, ich sage nur die „Münsterkrimis“. Ich nenne mal ein paar von vielen hunderten von Mitarbeitern beim Namen; Deine genialen Kameraleute wie Michael Wiesweg, David Slama, Jörg Jeshel und Frido Feindt. Wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler wie Tilo Prückner, Jan Joseph Liefers, Detlev Buck, Armin Rhode, Pierre Besson, Günter Maria Halmer, Axel Prahl, Alexander Scheer, Laura Tonke, Senta Berger, Götz George, Katharina Thalbach, Florian Lukas, Elke Sommer, Karl Kranzkowski, Sigi Zimmerschied, Nadeshda Brennicke, Inga Busch und viele, viele mehr. Und nicht zu vergessen, deine langjährige Regieassistentin Susanne Petersen.

Lieber Manni, du warst in deinem Leben auf dieser Erde stets ein sehr bescheidener Mensch, ich habe dich auch nie in einer Talkshow gesehen, du wolltest immer nur deine Arbeit so professionell wie nur möglich machen. Das Ergebnis – fast 100 tolle Filme! Aber du würdest heute ruhig zugeben, dass sich deine Energie auch aus dem Bedürfnis speiste, deiner Mutter zu beweisen, dass du kein Versager bist. Den Beweis konntest du ihr in einer Form geben, die jeder sofort versteht – Geld und Gold. Du hast oft größere Summe nach Bad Aibling, dem Wohnort deiner Mutter geschickt. Und sie hat ein Teil dann großzügig an nahe und ferne Verwandte weitergeleitet, aber stets mit dem Hinweis versehen, dass diese schönen Scheinchen von ihrem sehr erfolgreichen Sohn aus Berlin kamen. Die einen brauchten ein aktuell neues Hörgerät oder Gebiss, andere arbeitslose Neffen ein neues Auto oder auch nur einen neuen Satz Autoreifen.

Da stand ich mal mit deiner Mutter mit einem Produzenten am Filmset, und auf die Frage des Produzenten, was du denn eigentlich studiert hast, kam von ihr die prompte Antwort: „Mein Sohn, mein Manfred hat Physiklaborant studiert“, und dann von ihr die Gegenfrage: „Werden sie meinen Sohn auch weiterhin beschäftigen?“. Ja, so einfühlsam und ehrlich können Mütter sein

Nun noch zum Schluss: du hast ja bis in den März und April hinein noch immer gearbeitet, mit mir hast du an einem Treatment für einen Rio Reiser Spielfilm gearbeitet, und dann an einer 8-teilige Kurzserie mit Tilo Prückner, die man sehr bald unter dem Titel „Die Bank“ im Fernsehen sehen wird.

Ich hatte irgendwie bei meinen Besuchen bei dir immer das Gefühl, dass du uns noch gar nicht verlassen willst, jeden Sonnenstrahl aus unserem zurzeit unglaublich stahlblauen Himmel hast du noch genossen. Aber deine ständigen Schmerzen raubten dir dann doch leider deine letzten Kräfte.

Liebe Bea, seit 1984 war Manni dein Weggefährte und deine Liebe, Sylvester 1996 habt ihr euch in Las Vergas das Ja-Wort gegeben.

Dein selbstloser professioneller Einsatz, um Mannis letzten fünf Jahre andauerndes Leiden zu mildern, war ein sehr, sehr großer Liebesbeweis. Alle hier danken dir dafür und fühlen mit ganzem Herzen mit dir und deiner tiefen Trauer.

Auch dir, Alexander Richter, sei hier für deine gute Beratung und Hilfe sehr gedankt.

Lieber Manni, wir werden dich und dein künstlerisches Werk, das du uns hinterlassen hast, nie vergessen. Du bist nicht tot, du lebst in deinen Filmen weiter, und ich freue mich, in Zukunft viele deiner schönen Filme noch einmal ansehen zu dürfen. Deine gesellschaftlich kritische und komödiantische Sichtweise auf diese unsere Weltenkugel wird mich in meiner noch verbleibenden Lebenszeit für immer begleiten. Ich hoffe, wir sehen uns eines Tages wieder!

Dein Gert

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Anfang 1986 führte Gerd Conradt (dffb-Jahrgang 1966) ein Interview mit Manfred Stelzer über seinen gerade fertiggestellten Film "Geschichten aus zwölf und einem Jahr".

*** Vorab: ***

Der seit vier Tagen tote Lazarus wurde von Jesus zum Leben erweckt in einem Dorf, nach dem häufig kirchliche Krankenhäuser benannt sind: Bethanien. Das Berliner Bethanien-Krankenhaus hatte die evangelische Kirche aus Rentabilitätsgründen Ende der sechziger Jahre an den Berliner Senat verkauft. Wenige Jahre zuvor frisch renoviert und technisch erneuert, stand es jahrelang leer, gut geheizt, umgeben von Nutzungs- und Abrissspekulanten.

Am 8. Dezember 1971 besetzten 600 Jugendliche das nach Lazarus' Schwestern benannte "Martha-Maria-Schwesternhaus", ein Teilgebäude des Krankenhauses. Zum Gedenken an den vier Tage zuvor von ziviler Polizei erschossen Georg von Rauch, einen jungen, schönen, lebenslustigen Mann mit anarchistischen Ansichten, gaben sie dem Gebäude den Namen des Getöteten. "Kämpfen, Lernen, Leben" hieß die Parole, unter der sich 70 Jugendliche erstmals selbstverwaltet in dem Haus wohnlich einrichteten.

Zur gleichen Zeit kämpften in dem Ort Bethanien Palästinenser um ihre Anerkennung als Nation.

1971 bis 74 drehten Suzanne Beyeler, Rainer März und Manfred Stelzer den Dokumentarfilm "Allein machen Sie dich ein". Der Titel war dem gleichnamigen Lied der Rockgruppe Ton, Steine, Scherben entliehen. Dazu die Macher: "Der Film ist für alle Jugendlichen, die arbeiten und begonnen haben, sich in der Freizeit irgendwie zu organisieren … die ein Unbehagen spüren, was dagegen tun wollen, aber nicht so recht wissen wie. Ihnen wollen wir die Erfahrungen des Georg-von-Rauch-Hauses vermitteln."

Jahre später drehte Manfred Stelzer einen semi-dokumentarischen Film mit Spielhandlung, sein Titel: "Geschichten aus zwölf und einem Jahr". Akteure und Darsteller waren Menschen, die damals im Rauch-Haus lebten.

*** *** ***

Gerd Conradt:
Manfred, welche Bedeutung hatte für dich das "Georg-von-Rauch-Haus"?

Manfred Stelzer:
Das Rauchhaus war etwas anders als die Studentenbewegung. Die Besetzer waren keine Leute, die etwas in Büchern gelesen hatten und dann sagten, jetzt müssen wir die anderen aufklären. Es waren Leute, die nicht mehr in der Fabrik wie Sklaven arbeiten, sich von Zwängen befreien wollten. Mit den Besetzern fühle ich mich verwandt. Ich wollte auch nicht mehr in der Fabrik arbeiten. Ich wollte wissen, was ich kann.

G.C.:
Wie kam es zu dem Film "Allein machen Sie dich ein"?

M. S.:
Als ich an der Filmakademie angenommen worden war, hatte ich plötzlich die Geräte, um einen Film zu machen. Wir sagten uns: Nehmen wir die Geräte und machen unsere Sache im Rauchhaus. Es war keine Akademie-Produktion. Das Filmmaterial haben wir über Spenden bekommen. Der Film war auch nicht das Rauchhaus. Der Film, das waren WIR. Wir waren auch ein Kollektiv.

G. C:
Warum hast du jetzt alleine nach 13 Jahren einen Film über Menschen gedreht, die im RH gelebt haben?

M. S.:
Ich hatte einen Dokumentarfilm über Schönheitsköniginnen gemacht, wo kaum Persönlichkeiten zu finden waren. Das machte mich traurig, und ich dachte, wenn es das ist, womit ich mein Brot verdienen soll, da möchte ich lieber einen Film über Menschen machen, die ich mag. Das sind die vom Rauchhaus. Jeder hatte Träume, und ich wollte nachsehen, ob es einige geschafft haben.

G. C:
Hast du ein Drehbuch geschrieben oder sind die einzelnen Geschichten und Szenen improvisiert?

M. S.:
Wir haben Ideen durchgespielt, uns darüber unterhalten, was ihnen wichtig ist. Wenn jemand sucht, dann spielt er gut.

G. C:
Der Film hat eine konventionelle Dramaturgie. Du erzählst einzelne Geschichten hintereinander. Du verzichtest auf technische Tricks und "Action".

M. S.:
Dramaturgie kannst du nicht machen. Die ist schon da. Die Frage ist nur, WIE sie da ist.
Ich dachte mir, wenn Karl Marx ins Rauchhaus kommt, dann wird man sich wundern. Ich frage: Was hat denn Karl Marx mit dem Rauchhaus zu tun? Karl Marx war jemand, der was in Bewegung brachte. Auch im Rauchhaus war er Gesprächsstoff.
Wenn du dir 13 Jahre Zeit anschaust, siehst du eine Frau – so fängt der Film an – die zieht aus zu einem anderen Mann. Du weißt, der ist nicht besser als du, denkst du, aber sie geht. Es kommt einer, der immer spazieren geht, weil er keine Arbeit hat. Er sagt: Ich lass mich nicht unterdrücken, das ist meine Fähigkeit. Der Nächste sitzt im Kino und redet über seine Liebe. Es sind alles Gefühle, die auch du hast. Jeder hat die für sich. Das ist es, was 13 Jahre sind. Das ist nicht eine, das sind ganz viele Geschichten.
Zum Schluss des Films spielt Rio Reiser von den Ton Steine Scherben einem amerikanischen Produzenten Lieder vor, die dieser gar nicht versteht: "I´dont want to be like my father is" , "Ich will nicht werden, wie mein Alter ist". Da wird es dann komisch, Komik liebe ich.
Wie die Leute mit Geschichte umgehen, hat mit ihrem Zusammenleben damals im Kollektiv zu tun. Sie mussten sich auseinandersetzen mit ganz vielen Köpfen, Gedanken, Eigenheiten von anderen. Sie merkten: Ich bin nicht allein, ich muss auf den anderen eingehen. Selbstorganisation, das war damals so ein Wort oder ein Gedanke, in dem wir für uns die Zukunft sahen. Daraus wurde aber was ganz Einzelnes – trotzdem hat sich jeder etwas davon mitgenommen.
Bürgerliche sagen, wenn sie den Film gesehen haben: Es hat ja nichts genützt, die sind alle gescheitert. Für mich sind sie nicht gescheitert. Für mich haben sie ihre Identität gefunden. Ich beziehe mich damit ein. Ich habe immer Angst gehabt, einen Film allein zu machen, lieber im Kollektiv, mit anderen, dokumentarisch. Zu inszenieren, hatte ich mich bisher nicht getraut.

G. C:
Warum ist der Film in schwarzweiß und nicht in Farbe?

M. S.:
Meine Erinnerung an die Leute ist schwarzweiß.

G. C:
Du beginnst mit dokumentarischen Aufnahmen aus dem ersten Film. Warum hast du darauf verzichtet, noch mehr Ausschnitte aus diesem Film zu zeigen? Der Zuschauer hätte so die Möglichkeit gehabt, selbst zu sehen, was aus dem Einzelnen geworden ist.

M. S.:
Wir sagten damals: Der Einzelne ist stark in der Gruppe. Deswegen haben wir Gruppenbilder gemacht. In dem ganzen Film sind fast nie Einzelne zu sehen. Ich konnte die ersten Aufnahmen nicht verwenden. Du erkennst niemanden. Heute sehe ich es anders. Mehrere Einzelne bilden eine Gruppe.

G. C:
Ist es ein Familienfilm?

M. S.:
Ein Film über meine Freunde. Es ist ein Unterhaltungsfilm für Menschen, die zwischen 1968 und 1972 was versucht haben. Es ist Unterhaltung für einen kleinen Kreis, nicht für die Masse.

G. C:
Ich habe den Eindruck, der Film ist sehr männlich. Haben im Rauchhaus wenig Frauen gelebt? Warum gibt es nur eine Geschichte über eine Frau?

M. S.:
Vielleicht interessieren mich Frauen nicht zu sehr in diesem Fall.
Die Männer kannte ich besser.

G. C:
Eine Frau führt durch den Film, eine Tochter von Karl Marx. Ihre Rolle ist wenig ausgeprägt. Sie hat wenig Eigenes. Sie verbindet, schaut zu, geht, gibt Stichworte.

M. S.:
Ihr Vater hat etwas in der Welt angerichtet. Sie fährt völlig naiv zum Rauchhaus und guckt sich das an. Die Stärke von Frauen ist, sich Sachen anzusehen, ohne vorher schon wissen zu wollen, was sie zu erwarten haben. Sie lassen sich darauf ein zu sehen, was ist.

G. C:
Willst du noch etwas sagen?

M. S.:
Der Anlass für den Film war, dass Leute Spaß bekommen, so etwas wie eine Bewegung mitzumachen. Eine Sache, die sie nicht kennen. Was ich mache, das mag ich nicht mehr, da such ich mir was anderes mit anderen zusammen, die in der gleichen Situation sind. Mehr war es nicht. Daraus entwickelt sich viel – aber es kann auch tödlich enden.

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